Das Fantasie-Ich ausmisten

Manchmal fliegen einem gewisse Themen zu, die einen Prozess benennen, den man bereits durchlaufen, aber nie benannt hat.
So ging es mir als ich die Videos von Allison Anderson und Rachel, the Messy Minimalist zum Thema „Decluttering your fantasy self“ fand.

Erst einmal klingt es etwas verrückt: Das Fantasie-Ich entrümpeln? Was soll das bedeuten? Es ist in etwa so: Man sollte sich im Minimalismus-Prozess bewusst werden, welche Dinge man behält, weil sie wirklich zu einem selbst passen, und welche, weil sie einem Fantasie-Ich entsprechen, das eventuell in einer wohl baldigen Zukunft dieses Ding noch brauchen könnte.

DSC_0105Beispiel: Ich habe früher sehr viel gesungen. Ich war in vielen verschiedenen Chören, hatte die ein oder andere Band, nahm Gesangsunterricht und gab Konzerte. Das war toll, das war großartig, ja. Aber die Betonung liegt auf war. Seitdem hatte ich tausende von Noten mit mir herumgeschleppt, Mikrophon mit Ständer, eine Monitorbox und Kabel und solcherlei Dinge. Denn eines meiner vielen Fantasie-Ichs ist Musikerin. In meinem Prozess habe ich die Monitorbox an einen befreundeten Musiker gegeben, meine Noten drastisch reduziert und der Rest der Dinge steht nun zum Verkauf aus. Nicht, weil ich einen Traum aufgebe, aber weil ich einsehe, dass ich nie in allererster Linie Musikerin sein werde und das ist okay. Für eine neue Band irgendwann einmal braucht es das alles nicht und falls doch einmal: man kann sich alles leihen, ich brauche es nicht selber besitzen.

Ich schreibe zu viel. Der Punkt ist klar, denke ich.

Mein Fantasie-Ich ist also Musikerin, Malerin, Schriftstellerin und vieles mehr. Ich habe auch meine Staffelei weggegeben und meinen „Künstlersekretär“ und die Acrylfarben, ich habe meinen Literaturblog Anfang Oktober gelöscht und massenweise Bücher aussortiert, weil es Wunschvorstellungen sind, die durch diese Dinge manifestiert werden und mir ständig vor Augen führen, was ich nicht schaffe. Sie stimmen mich im besten Fall also nur sentimental.

Lieber mag ich mich mit Dingen umgeben, die mir zeigen, was ich wirklich bin, was mich ausmacht und mir Freude bereitet.
Zum obigen Beispiel sei angeführt: meine Gitarre werde ich behalten, das ist mein kleines Musikerinnendasein, das ich sehr wohl pflege und mir unheimlich gut tut. Aber mehr braucht es nicht. Jedenfalls in der nächsten Zeit.

Wenn ich das Ganze abschließend nach Fromm (Haben oder Sein) betrachte, sind diese Wunschvorstellungen alle im Haben verhaftet. Es geht mehr darum, eine gewisse Bezeichnung oder Äußerlichkeit zu besitzen als darum sich in dem was man wirklich ist wohlzufühlen.
Ich lerne jeden Tag, mich von diesen Vorstellungen loszusagen und mehr und mehr zu sein, statt zu haben.

Und damit alles Liebe für euch!


[Links]
Hier ein Link von mama-minimalista, den ich kurz darauf las und der mich zwar gleichsam etwas traurig stimmte, aber den ganzen Prozess sehr gut wiedergibt.

Und einen sehr amüsanten Artikel von Herr Hund habe ich vor kurzem gelesen, der davon träumt Laternenpfahlman zu sein.

Advertisements

2 Gedanken zu “Das Fantasie-Ich ausmisten

  1. Liebe Namika,
    Danke für diesen tiefgehenden und schönen Artikel! Ja, es stimmt, es kann schwer sein, das „Fantasie-Ich“ auszumisten. Vorstellungen von sich selbst loszulassen. Ideale und auch Träume gehenzulassen. Das Schöne ist, dass dadurch wieder mehr Platz für das, was ist, entsteht. Oder für neues. Und wenn einen irgendwann wieder die Lust am Malen (Singen, Kinderkriegen) packt – ist es kein Problem, sich wieder eine Staffelei (Noten, Erstausstattung) zuzulegen! Liebe Grüße
    Mareike

    Gefällt 2 Personen

    • Liebe Mareike,
      habe Dank für den lieben Kommentar. Ich denke auch, das Loslassen dieser Fantastereien setzt sehr viel Raum frei den Blick neu einzustellen. Wie beim Fotografieren: Wir fokussieren uns auf das immer gleiche Objekt, nur weil es eben da ist. Durch die Wegnahme des Immergleichen, schärfen wir unser Bewusstsein fürs Neue und damit gleichzeitig den Wandel des Selbst.
      Liebst,
      Namika

      Gefällt 2 Personen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s