Am Bahnhof

Wie jeden Montag saß ich gestern eine halbe Stunde am Bahnhof um auf meinen Folgezug zu warten, als ein Mann mit zwei Hunden an mir vorbeikam. Dünne Stoffjacke, keine Handschuhe oder Mütze. Ich sah auf meine Füße: dicke Socken in den Schuhen, Stulpen. Ich fror sogar etwas in meinem Wintermantel.
Ich blickte wieder auf, als eine Frau (ebenfalls in dünner Regenjacke) hinterdrein läuft: „Thomas! Thomas!“, sie pfeift, die Hunde drehten die Köpfe und daraufhin auch der Mann. „Mensch! Schön dich zu sehen!“, er umarmt sie, „Aber warum pfeifst du mir hinterher, rufe doch einfach meinen Namen.“ – „Das habe ich ja, ich laufe dir seit da drüben (sie deutet rüber zu Gleis 2) hinterher.“
So wechseln sie ein paar Worte, dann bricht es aus ihr heraus: „Mir geht es richtig schlecht momentan. […] Ich habe nichtmal Geld um Hundefutter zu kaufen…“ Er nimmt seinen Rucksack ab, während sie weiterspricht: „Von der ARGE ist noch kein Geld gekommen…“, sie spricht schnell und er kramt in seinem Rucksack, legt eine Packung Kakao und eine Flasche Brause auf die Sitzbank. Sie dankt mit weiteren Erzählungen und er tröstet: „Ich bin auch heilfroh, dass ich mich aufraffen konnte heute. […] Ja, das verstehe ich doch.“
Als der Zug ein paar Minuten später einfährt, gehe ich zu den beiden und drücke der Frau alles Geld in die Hand, was ich bei mir habe. Wieder hebt sie an: „Ich habe ihm gerade erzählt, mir geht es nicht so gut momentan…“ Ich nicke: „Ich habe etwas mitgehört eben, ich weiß wie das ist…“ und lächle sie kurz an, sie umarmt Thomas, Thomas dankt mir, dann steigen Thomas und ich in den Zug. Ich setze mich, er geht weiter zum Fahrradabteil (die Hunde). Der Zug fährt an, ich atme dreimal ganz langsam ein und wieder aus, ein und wieder aus, ein und wieder aus und versuche die Tränen zurückzuhalten.

Ich kann dankbar sein, dass ich es bisher immer geschafft habe neben meiner Krankheit alle amtswichtigen Dinge zu erledigen damit ich ein Dach über dem Kopf und Essen im Kühlschrank haben.  Ich kann dankbar sein, dass ich meine Therapeutin habe und Freunde, die mich immer wieder rausziehen; dass ich nicht alleine bin.


„Herz dieser herzlosen Welt.“

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