Sentimentales ausmisten

Wie in der Jahresbilanz für 2017 angemerkt, bin ich im letzten Jahr das erste Mal meine sentimentalen Gegenstände durchgegangen.
Dazu gehörten mehrere große und kleine Kartons mit Kindheitserinnerungen, Schmuck, Fotos, Erinnerungsbüchern, Sammlungen aus der Kindheit, Tagebüchern, Briefen usw.

Ich habe bei einigen Prozessen Bilder gemacht, wusste aber nicht, ob ich einen Artikel darüber schreiben mag, immerhin ist es das persönlichste Feld beim Ausmisten.
Aber gerade deswegen habe ich mich jetzt doch dazu entschlossen.

Kindheitserinnerungen
Als Kind habe ich Krimskrams angehäuft, je kleiner, desto besser. Ich hatte die vielen Kartons und Schächtelchen jahrelang nicht geöffnet, da ich mich nicht bereit dazu fühlte mich mit meinem früheren Ich zu konfrontieren.

Als alles vor mir lag, dachte ich erst, das schaffe ich nie, jeder Gegenstand rief sofort Erinnerungen wach. Doch nach ein paar Minuten Besinnung wurde mir klar: nicht alle Erinnerungen waren z.B. positiv. Oder aber einige Gegenstände waren mit der selben Zeit, dem selben Menschen, dem selben Ort o.ä. verknüpft und es bräuchte vielleicht nur einen oder aber gar keinen und nur ein Foto davon, falls ich unsicher bin. Im Großen und Ganzen aber hängen unsere Erinnerungen im Herzen und nicht an Gegenständen. Das versuchte ich mir immer wieder klar zu machen.
Übrig ist nach dem ersten Durchgang noch ein kleiner Karton, den ich in diesem Jahr auf jeden Fall erneut durchgehen mag. Maches braucht einfach etwas mehr Zeit.
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Denn wenn ich das Foto hier jetzt sehe, weiß ich schon ein paar Dinge, die nun auch gehen dürfen. Es ist eben ein Prozess.

Fotos und Erinnerungsbücher
Von dieser Aktion habe ich kaum Bilder, dafür aber eine Vorgehensmöglichkeit:
1. Sammeln. Alle Fotoalben, losen Fotos und Erinnerungsbücher (d.h. Jahresbücher aus der Schule, Tauf- und Konfirmationsalben, Fotobücher von bestimmten Festen o.ä.) auf einen Haufen.
2. Sichten. Grob nach Alter sortiert und einen ersten Durchgang der Fotos. Was ist doppelt, welche Bilder nicht scharf oder uninteressant. Die flogen direkt raus. (Bei mir waren das immerhin knapp 200 Fotos + 4 Erinnerungsalben.)
3. Erinnern. Dann suchte ich nach Bezügen: wollte ich mich daran erinnern? War mir dieser Tag wichtig und wenn ja, braucht es davon 10 Bilder oder reicht eines und alles ist wieder da? Tut mir dieser Mensch auf dem Foto gut, oder betrachte ich ihn und fühle mich elend? Solche und ähnliche Fragen beschäftigten mich und es ging ca. drei Viertel aller Bilder.
4. Scannen. In einem weiteren Durchgang scannte ich fast alle Erinnerungsbücher ein, ich hatte sie bisher nie zur Hand genommen und würde es auch in Zukunft kaum tun. Bei denen, die ich nicht scannte, löste ich einzelne Bilder heraus und gab sie zu den anderen.

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Meine Jahrbücher (links) und was von ihnen übrig blieb (rechts).

Auch die Fotos ging ich erneut durch und überlegte, welche ich in einem Fotoalbum gern anschaue und auch zeigen mag. (Denn wann sieht man die Bilder an? Meist mit anderen.) Alle die dabei rausfielen scannte ich ein. (Punkt drei und vier umfassten bei mir 360 Bilder.)

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Mein aussortierter Stapel. (Ohne die 200 aus dem ersten Durchgang.)

5. Einsortieren. Keine losen Bilder mehr, alles kompakt in einem Fotoalbum, das nur aus Lieblingsbildern, -menschen und -momenten besteht. Das man sich also gerne anschaut.
6. Zelebrieren. Es steht nunmehr ein Fotoalbum im Regal (vorher sieben plus mehrere Erinnerungsbücher in einem Karton auf dem Dachboden). Mein Sohn holt es immer wieder gerne heraus und schaut es mit mir an. Wir machen es uns gemütlich und ich erzähle von früher und den schönen Erinnerungen, die ich habe. Das freut ihn und gibt mir ein so viel positiveres Gefühl als die Alben früher, in die ich nicht mehr hineinschauen wollte.
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Schmuck
Auch ein Großteil meines Schmucks hat sentimentalen Charakter für mich. Ich habe nie viel getragen und mir nur zwei Teile selbst gekauft, der Rest sind Geschenke oder Erbstücke.
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Hier habe ich mich also gefragt, wieviel bedeutet mir dieser Mensch, habe ich von ihm vielleicht noch anderes (auch in den anderen Kategorien), das mir mehr bedeutet. Mag ich dieses Schmuckstück gern / trage ich es hin und wieder? Was trage ich gar nicht (Armbänder, Ohrclips, goldenen Schmuck)? Gefällt mir Farbe, Form, Größe, Material usw.

(Was ich behalten habe links, was ich aussortiert habe rechts.)
Es bleiben eine kleine Kiste Erbstücke und Erinnerungen (Geburtsarmbänder, Taufkette (dazugehöriger Ring + Armband aussortiert*), Kinderring meiner Tante, Ehering meiner Mutter, Brosche meiner Urururururgroßmutter, die seit Generationen weitergegeben wird) drei Ketten (die mit dem Stein hat mein Bruder selbstgemacht, die andern zwei verbinde ich mit zwei guten Freunden), drei Anhänger (zwei aus Taizé, einer von meinem Opa), drei Ringe (Erinnerungen an meinen ersten Freund, meine Tante und einen schönen Urlaub).

Sammlungen
Wie schon hin und wieder erwähnt: Ich war als Kind eine Sammlerin, alles was mir in die Finger kam wurde gesammelt. Hier eine winzige, winzige Auswahl:

Und das ist wirklich nur vielleicht ein zehntel (sicher weniger) von meinen Sammlungen. Ich weiß bis heute nicht genau, was mich dazu trieb.

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Beim Fotos aussortieren fand ich dieses Monstrum meines Kinderzimmerregals… Nur, damit ihr eine ungefähre Vorstellung habt.

Von den Dingen auf dem Bild besitze ich noch 7 Teile: Den Engel aus Metall und das Kreuz aus einer Patronenhülse daneben (Erinnerungen an eine wundervolle Frau), drei Holzelefanten (Geschenke zu meiner Taufe), einen Beutel Sorgenpüppchen (wichtige Bedeutung) und das Kartenspiel links (einziges Erbstück meines Urgroßvaters mütterlicherseits).

Jetzt habe ich keine der Sammlungen mehr und wenn, vielleicht einen Gegenstand daraus behalten, der mir gesondert wichtig war. Das meiste habe ich aber weggeworfen oder -gegeben.
*) Das Beispiel mit dem Taufschmuck zeigt: selbst solche Sammlungen kann man auftrennen. Auch wenn es jahrelang quasi als ein einziges Teil behandelt wurde.

Briefe und Karten
IMG_0330Bei Briefen und Karten bin ich ähnlich wie bei den Fotos vorgegangen. Die Karten habe ich sogut wie alle weggeworfen, außer sie hatten ein sehr schönes Motiv, dann überklebte ich den Text und sie bekamen eine zweite Chance verschickt zu werden (#Upcycling). Nun habe ich noch einen kleinen Stapel Briefe, den ich haptisch behalten mag (und einen Stapel Karten zur Geburt und Taufe meines Sohnes, den ich für ihn aufhebe, bis er selbst entscheiden kann), der Rest der urspünglichen drei Schuhkartons sind aber tatsächlich weggeworfen (ein Teil davon vorher abfotografiert).
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Zeugnisse
Welche Zeugnisse, Zertifikate und Urkunden benötige ich wirklich noch?
Oh ja, auch dieser Punkt gehört zur sentimentalen Kategorie, denn warum besaß ich z.B. noch die Zeugnisse aus der Grundschulzeit? Ich sortierte meine komplette Zeugnismappe aus und behielt lediglich mein Abschlusszeugnis aus der Ausbildung und ein dazugehöriges Zertifikat, die relevant sein werden, werde ich diesen Beruf irgendwann wieder ausüben kann. Sie wanderten in ein Fach meines Wichtige-Dokumente-Ordners und so habe ich wieder eine komplette Mappe weniger.

Geschichten und Zeichnungen
Larp
Ich besaß einen berstend vollen Leitz Ordner mit Bildern und Zeichnungen von später Kindheit bis heute. Dazu eine Mappe mit Geschichten und zwei weitere mit Gedichten, die ich als Jugendliche schrieb. Das Geschriebene scannte ich und bei den Zeichnungen ging ich vor wie bei den Fotos. Es bleibt eine kleine Mappe an Portraitzeichnungen und Charakterskizzen fürs Larpen zurück.
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Tagebücher
Jahresweiser 0AEin großer Karton auf dem Dachboden beinhaltete fast nur Tagebücher. Für mich ist dies der schwerste Teil, daher ist er auch noch nicht abgeschlossen.
Meine Mutter führte bis zu meinem siebten Geburtstag Tagebuch für mich, ab da schrieb ich selber. Immerhin eine stolze Zahl von 23 Tagebüchern kam dabei herum. Die Kinder- und Jugendtagebüchern (bis zu meinem Auszug aus dem Elternhaus) scannte ich (nach kurzem Hineinlesen (sehr schlechte Idee…)) ein um an einem geeigneteren Zeitpunkt nur die Dateien sichten zu müssen; momentan bin ich dazu noch nicht bereit. Die Tagebücher aus der Zeit danach sind so gesehen schwerer auszumisten: ich schrieb anders, las viel, entwickelte mich; sie haben eine positivere Bedeutung für mich und so behalte ich sie erst einmal, um sie nach und nach analog zu sichten.
Außer der Tagebücher barg dieser Karton noch mehrere Mappen mit Theaterstücken, an denen ich in der Schulzeit mitgewirkt hatte und einen Schuhkarton voller kleiner Notizbücher, die wir in der Schule damals als Briefbücher benutzt haben – die sind jetzt auch alle weg.
(Die intakten Buchdeckel der Tagebücher upcycle ich bei meinen Buchbindearbeiten.)

Scan_20171230 (1)-horz

Tagebücher vom siebten bis einundzwanzigsten Lebensjahr.


Kassetten / Musik-CD’s
Meine Kassetten sind mit den Jahren nur noch schaurig anzuhören gewesen, sie sind tatsächlich im Müll gelandet. Musik von CD’s habe ich auch schon relativ früh in meiner Ausmistzeit auf den Laptop gezogen und die CD’s selbst weggegeben oder -geworfen. (Zu den digitalen Sentimentalitäten komme ich in einem anderen Artikel aber noch einmal.)
Recycling: Bei uns im Rathaus steht eine Box für alte CD’s, man sollte sie vorher zerkratzen, wenn sensible Daten darauf sind, aber finde ich toll, dass es Sammelstellen gibt. (Umweltbundesamt-Artikel dazu.)

Nach dem Ausmisten bleibt ein einziger Karton mit Erinnerungsstücken zurück. Das ist noch nicht perfekt, aber immerhin besser als sieben Kartons. Small steps. 😉


Erzählt mir eure Geschichten mit den sentimentalen Dingen, ich bin furchtbar neugierig, wie andere diese schwere Kategorie meistern.

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10 Gedanken zu “Sentimentales ausmisten

  1. Pingback: [Ausgemistet] Jahresbilanz 2017 | Hinterhand

  2. Hallo!

    Mir ist es auch nicht leicht gefallen, über diese Dinge zu gehen. 2017 war es so weit, ich bin wirklich in die letzten Winkeln des Kellers vorgedrungen und da waren dann Schachteln mit Erinnerungsstücken.

    Es war nicht einfach – so wie Du es auch beschreibst – ich wurde mit ganz vielen Erinnerungen konfrontiert. Geholfen hat mir, dass vieles bereits kaputt war durch die lange Lagerung. Da wurde mir klar, dass das so nicht funktioniert. Daher habe ich einiges weg geworfen, was kaputt war, und vieles verschenkt. Dinge verlieren an Wert und verderben (bewusst das Wort so gewählt) wenn sie zu lange gelagert werden.

    lg
    Maria

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    • Oh ja, wenn sogar vieles kaputt war merkt man dann auch WIE lange man es nicht mehr hervorgeholt hat… Aber wie schön, dass wir also das neue Jahr beide ohne diesen Ballast starten konnten! Danke für den kleinen Bericht, Maria! 🙂

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  3. Das habe ich auch schon hinter mir, aber ich habe nur meine ganzen alten Zeichnungen behalten…ich war etwas radikaler, als ich das letzte Mal umgezogen bin, habe ich alles weggeworfen und verschenkt…wirklich alles. Ein Foto von meinem Kater Romeo, das habe ich noch…der Rest war nur Ballast. Es war nicht mal schwer…Aber deinen Bericht fand ich sehr schön, denn diese ganzen Dinge haben dir Geschichten erzählt, dir ein lächeln entlockt…so soll es sein. Vielen Dank LG Anke

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    • Wow, wirklich sehr radikal, aber interessant zu hören, dass du es wirklich nur noch als Ballast empfunden hast. Ich habe das Gefühl, dass dieses Gefühl von Mal zu Mal steigt, das man ausmistet. Mal sehen, mit wie viel sentimentalen Dingen ich am Ende herauskomme. 🙂 Danke fürs Teilen!

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  4. Danke für diesen tollen Bericht! Die Bilder sehen fast aus, als hättest du meine Erinnerungen fotografiert. Ich war auch die absolute Sammlerin und je winziger, desto besser. Das kommt mir also alles seeehr bekannt vor. Ich bin auch so wie du vorgegangen! Allerdings habe ich noch immer etwas einen Umzugskarton voll. Irgendwann werde ich den noch mal vorholen und durchgucken und mit der Zeit wird immer mehr gehen dürfen. Aber gerade ist noch nicht der Moment, sondern da warten andere Baustellen auf mich 🙂
    Toll wie du es geschafft hast, ich weiß wirklich wie schwer das ist!!!

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    • Oh ja, das klingt wirklich sehr ähnlich. Ich bin ja derzeit auch noch bei einem Karton. 🙂 Ich finde es auch jedes Mal interessant, wenn man sich z.B. einen Karton erneut vornimmt und immer wieder Dinge findet, die man loslassen kann. Aber ich mag es auch, wenn alles organisch vorgeht. Viel Erfolg bei deinen Baustellen! 🙂

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  5. Ja, Erinnerungsstücke sind echt die schwerste Sache. Seufz. Oder eben Sammlerstücke. Man muss auch ja aber auch nicht von allem trennen. Ich versuche mir vorzustellen, ob ich das jemals wieder anschaue und welche Gefühle ich dabei habe und ob ich das meinen Kindern und Enkeln vielleicht noch zeigen wollen würde. Alles andere kann ich dann mit einem Danke gehen lassen und als reine Erinnerung platzsparend in meinem Geist abspeichern. 🙂 Du machst das schon genau richtig.

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    • Liebe Christine, das sind gute Kriterien, die du da ansprichst. Ich habe bei manchen Dingen zusätzlich entschieden, dass sie als Foto in meinen Erinnerungen-Ordner kommen und der Gegenstand selbst gehen darf. Und ich glaube auch, mehr als bei allen anderen Dingen braucht es bei sentimentalen einfach auch Zeit. Neulich erst habe ich gehört, jemand hat diese Gegenstände in die Mitte des Raumes gestellt und wenn sie dort nervten, wurden sie aussortiert. Jeder muss aber seinen Weg finden, immer je nachdem an welchem Punkt man steht und welche Ziele das Ausmisten eigentlich hat. Danke für den Kommentar und alles Liebe! Liesa

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